HochsensibilitÀt, HSP Psychologie

Hochsensibel oder hochsensitiv? Das ist der Unterschied nach Anne Heintze

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Bist du hochsensibel oder hochsensitiv? đŸ€”

„Gute Frage! Ist das nicht dasselbe?“

Das dachte ich auch lange und es gibt noch immer viele Experten, die die beiden Begriffe synonym verwenden.

Anne Heintze nicht! In ihrem Buch „Außergewöhnlich NORMAL: Hochbegabt, hochsensitiv, hochsensibel: Wie Sie Ihr Potential erkennen und entfalten“ verrĂ€t sie u. a. wie sie die beiden Begriffen „HochsensibilitĂ€t“ und „HochsensitivitĂ€t“ unterscheidet und gibt praxisnahe RatschlĂ€ge und Tipps, wie Betroffene damit umgehen können.

In diesem Blogpost erfÀhrst du,

  • wie die Begriffe „hochsensibel“ und „hochsensitiv“ entstanden sind
  • wie Anne Heintze sie unterscheidet
  • welche AusprĂ€gungen und Merkmale es gibt
  • wie es sich anfĂŒhlt, hochsensibel und hochsensitiv zu sein

✹ Inhaltsverzeichnis ✹

  1. Ist HochsensibilitÀt und HochsensitivitÀt dasselbe?
    1.1 Anne Heintze macht den Unterschied
    1.1.1 Hochsensibel nach Anne Heintze
    1.1.2 Hochsensitiv nach Anne Heintze
  2. Hochsensibel und hochsensitiv im Alltag
    2.1 Das Kind, das ĂŒber Dinge sprach, die keiner kapierte
    2.2 Eine Gruppe von Superhelden
    2.3 Wie ein Schwamm
    2.4 GrĂŒbeln macht depressiv
    2.5 Hochsensitive Vorahnungen
    2.5.1 Die Sache mit dem Telefon
    2.5.2 „Mir wĂŒrde niemand glauben.“
  3. Schlussgedanken
Pusteblume mit Wassertropfen, die HochsensibilitÀt symbolisiert
Photo by Anthony on Pexels.com

Ist HochsensibilitÀt und HochsensitivitÀt dasselbe?

In den 90er-Jahren prĂ€gte die US-amerikanische Psychologin Elaine N. Aron den Begriff „highly sensitive person“ (hochsensible Person, kurz HSP). Ihr Buch The Highly Sensitive Person: How to Thrive When the World Overwhelms You“ *, das 1996 auf den Markt kam, gilt heute als Standardwerk ĂŒber das Thema HochsensibilitĂ€t. Die deutsche Ausgabe erschien 2005 im mvg Verlag unter dem Titel „Sind Sie hochsensibel?: Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen*.

Übersetzt wurde „highly sensitive person“ erst mit „hochsensible Person“ und dann mit „hochsensitive Person“. Die meisten Menschen, auch Fachleute, nutzen „hochsensibel“ und „hochsensitiv“ daher synonym.

„Hochsensibel“ ist das gelĂ€ufigere Wort und auch ich benutze es am liebsten.

Doch manche bevorzugen „hochsensitiv“, weil der Begriff neutraler klingt. „Sensibel“ ist eher negativ besetzt und vor allem MĂ€nner tun sich schwer damit, als „Sensibelchen“ zu gelten. Kleinen Jungs wird bereits eingeblĂ€ut, dass sie hart und stark sein mĂŒssen. GefĂŒhle haben da keinen Platz. Ich finde das furchtbar, weil es ganz schön nach hinten losgehen kann, wenn man stĂ€ndig unterdrĂŒckt, was man empfindet. Aber das ist Stoff fĂŒr einen anderen Blogpost 


* *

Anne Heintze macht einen Unterschied

Die HSP-Expertin Anne Heintze verfolgt einen anderen Ansatz.

In ihrem BuchAußergewöhnlich NORMAL: Hochbegabt, hochsensitiv, hochsensibel: Wie Sie Ihr Potential erkennen und entfalten“ * erklĂ€rt sie, welchen gravierenden Unterschied sie zwischen „hochsensibel“ und „hochsensitiv“ macht und warum es fĂŒr sie Sinn ergibt, die beiden Begriffe zu trennen.

Hochsensibel nach Anne Heintze

Nach Anne Heintze bezeichnet „hochsensibel“ Menschen, deren körperliche fĂŒnf Sinne (hören, sehen, schmecken, fĂŒhlen, riechen) besonders feinfĂŒhlig und ausgeprĂ€gt sind.

👉 Dazu gehört, dass die Betroffenen z. B. extrem empfindsam reagieren auf

  • GerĂ€usche in ihrer Umgebung
  • grelle Farben und Lichter
  • körperlichen Schmerz
  • Koffein, Tein, Medikamente, Drogen, Alkohol
  • „kratzige“ Textilien, wie z. B. Wollstrumpfhosen
  • heiße/eiskalte Speisen und GetrĂ€nke
  • starke GeschmĂ€cke wie z. B. SchĂ€rfe
  • heftiges Treiben um sie herum
  • unangenehme oder kĂŒnstliche GerĂŒchte

Hochsensible Menschen fĂŒhlen sich schnell „ĂŒberreizt“ und möchten sich zurĂŒckziehen. Eine Party mit vielen Leuten, lauter Musik, stickiger Luft und blinkenden Lichtern kann fĂŒr eine HSP die Hölle auf Erden sein.

Auf meiner Seite „Bin ich hochsensibel?“ habe ich verschiedene Anzeichen mit Beispielen zusammengetragen und kostenlose Online-Selbsttests verlinkt (u. a. auch den Test von Elaine N. Aron).

*

Hochsensitiv nach Anne Heintze

Unter „hochsensitiv“ versteht Anne Heintze Menschen, die ĂŒber einen „sechsten“ oder „siebten“ Sinn verfĂŒgen. Es geht also nicht darum, dass die fĂŒnf physischen Sinne stĂ€rker ausgeprĂ€gt sind, sondern darum, dass diese Menschen eine extrem hohe Empathie besitzen und Dinge wahrnehmen können, die anderen Menschen verborgen bleibt. Deshalb haben sie auch oft einen Hang zur SpiritualitĂ€t.

Anne Heintze fasst das so in Worte:

„Hochsensitive sind das, was man „hellsichtig“, „hellfĂŒhlig“ oder „hellsinnig“ nennt. Sie sind extrem empathisch, manchmal regelrecht medial. Sie haben Ahnungen, Visionen oder andere Empfindungen aus der „nicht-alltĂ€glichen Wirklichkeit“.

FĂŒr Hochsensitive ist es selbstverstĂ€ndlich, dass es Energien außerhalb unserer alltĂ€glichen Wahrnehmung gibt, denn sie nehmen sie direkt wahr. Manche Menschen haben diese FĂ€higkeiten schon seit frĂŒhster Kindheit. Bei anderen entwickeln sie sich erst im Erwachsenenalter.“

Quelle: Anne Heintze: Außergewöhnlich NORMAL: Hochbegabt, hochsensitiv, hochsensibel: Wie Sie Ihr Potential erkennen und entfalten. GĂŒtersloh: Ariston Verlag 2013. S. 30

👉 HochsensitivitĂ€t macht sich z. B. durch diese Anzeichen bemerkbar:

  • du hast schon öfter etwas getrĂ€umt, dass spĂ€ter eintraf
  • du hattest Vorahnungen, die sich genau so erfĂŒllt haben
  • du redest gerne mit Pflanzen oder Tieren
  • du hast als Kind in deiner eigenen „Fantasiewelt“ gelebt
  • du kannst es nicht ertragen, wenn andere Lebewesen leiden
  • du kannst weder besonders gut lĂŒgen, noch dich verstellen
  • du bist hervorragend darin, „zwischen den Zeilen“ zu lesen
  • du nimmst die AtmosphĂ€re in einem Raum rasch wahr
  • du merkst, wenn sich jemand schlecht fĂŒhlt, auch wenn die Person etwas anderes behauptet

HĂ€ufig fĂŒhlen sich Menschen, die solche unerklĂ€rlichen Dinge wahrnehmen, schuldig oder beschĂ€mt und trauen sich nicht, anderen davon zu erzĂ€hlen.

SchĂŒchternes, sensibles Kind mit BĂŒchern
Photo by Amina Filkins on Pexels.com

Hochsensibel und hochsensitiv im Alltag

Damit die ganze Theorie fĂŒr dich etwas greifbarer wird, möchte ich dir jemanden vorstellen, fĂŒr den manche dieser Merkmale Alltag sind.

Vor einem guten Jahr durfte ich David kennenlernen. Er lebt im Norden Mexikos und ist sowohl hochsensibel als auch hochsensitiv – doch lange Zeit ahnte er nichts davon.

Das Kind, das ĂŒber Dinge sprach, die keiner kapierte

Bereits als kleiner Junge merkte David, dass er sich von anderen Kindern unterschied. „Ich dachte, dass ich seltsam bin“, berichtet er mir. „Im Gegensatz zu meinen beiden BrĂŒdern, fĂŒhlte ich mich in meiner eigenen Welt wohl, spielte allein und fĂŒhrte SelbstgesprĂ€che.“

Gleichaltrigen war er stets voraus. „Ich kann Informationen etwas schneller verarbeiten als die anderen. Deshalb habe ich meinen MitschĂŒlern die SchulfĂ€cher erklĂ€rt, die sie nicht verstanden. Ich war das ernste Kind, das immer ĂŒber Dinge sprach, die keiner kapierte.“ đŸ€“

Eine Gruppe von Superhelden

„Anders“ zu sein machte David sehr zu schaffen. Er glaubte lange Zeit, dass es nur ihm so ginge – bis er 2016 ĂŒber den Begriff „highly sensitive person“ (HSP) stolperte.

Herauszufinden, dass er zu einer Gruppe gehörte, die gerne Neues ĂŒber sich selbst und ihre Umgebung lernte und Dinge spĂŒrte, die fĂŒr die meisten Menschen nicht wahrnehmbar waren, sei ein großartiges GefĂŒhl gewesen.

„Als wĂŒrde man zu einer Gruppe von Superhelden gehören“, sagt er und lacht. 😁

Junger Superheld
Photo by cottonbro on Pexels.com

Wie ein Schwamm

Genau wie ich ist auch David sehr empfindlich bei LĂ€rm und schĂ€tzt eine ruhige Umgebung. Menschenmengen laugen ihn aus und er muss sich bereits nach kurzer Zeit zurĂŒckziehen. Das hat auch damit zu tun, dass er die GefĂŒhle anderer Leute spĂŒrt und sofort die vorherrschende AtmosphĂ€re wahrnimmt, wenn er einen Raum betritt.
„Ich denke, das ist einer der GrĂŒnde, warum ich keine Sitzungen und Partys mag. Ich bin wie ein Schwamm, der die Emotionen der Menschen um sich herum aufsaugt. Das ist anstrengend und ĂŒberwĂ€ltigt mich manchmal.“

Obwohl David seine feinfĂŒhlige Seite schĂ€tzt, weiß er, dass sie ihn auch angreifbar macht. „Wir können zur Zielscheibe von toxischen Menschen wie Narzissten werden“, warnt er. „Sie manipulieren uns gerne und nutzen unsere Empathie zu ihrem Vorteil aus.“ 🙁

GrĂŒbeln macht depressiv

David liebt es, etwas Neues zu lernen und auszuprobieren. Jedoch hat er dabei hohe AnsprĂŒche an sich selbst. „Ich reagiere sehr empfindlich auf Kritik“, verrĂ€t er. „Deshalb versuche ich, keine Fehler zu machen.“ Obwohl er weiß, dass niemand perfekt ist, zweifelt er oft an sich selbst. LĂ€uft wirklich etwas schief, grĂŒbelt er anschließend lange, was er hĂ€tte besser machen können.

Dennoch weiß David, dass ĂŒbermĂ€ĂŸiges Nachdenken nicht gesund ist. „GrĂŒbeln macht depressiv und schwĂ€cht das SelbstwertgefĂŒhl.“

Depressiver, nachdenklicher Mann
Photo by Andrew Neel on Pexels.com

Hochsensitive Vorahnungen

In einem unserer GesprĂ€che, erwĂ€hnte David beilĂ€ufig, dass er eingehende Telefonanrufe vorausahnen könne. ☎

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich gerade „Außergewöhnlich NORMAL“ gelesen und wurde sofort hellhörig. War es möglich, dass David nicht nur hochsensibel, sondern auch hochsensitiv ist? In unserer weiteren Konversation bestĂ€tigte sich mein Verdacht.

Die Sache mit dem Telefon

David beschreibt seine Wahrnehmung so:

Bevor das Telefon klingle, wecke ein drĂ€ngendes GefĂŒhl seine Aufmerksamkeit, wie eine Art Vorahnung. „Ich höre anschließend ein sehr seltsames, dumpfes GerĂ€usch. Kurz darauf klingelt das Telefon.“ Seine Familie könne weder die Vorahnung noch das GerĂ€usch wahrnehmen.

Jedoch habe auch seine Mutter einen siebten Sinn. „Sie weiß immer, wer anruft und was der Grund des Anrufs ist“, erzĂ€hlt David. Er frage sich, ob er seine HochsensitivitĂ€t von ihr geerbt habe. „Das wĂŒrde einiges erklĂ€ren.“ đŸ€·â€â™‚ïž

Altes Telefon mit WĂ€hlscheibe
Photo by Pixabay on Pexels.com

„Mir wĂŒrde niemand glauben.“

Generell komme es öfters vor, dass David Dinge wahrnehme, die andere nicht wahrnehmen können, z. B. GerĂ€usche oder Stimmungen. Selbst wenn Menschen versuchten, ihre wahren GefĂŒhle zu verbergen, spĂŒre er sofort, dass sie sich in Wirklichkeit traurig oder unwohl fĂŒhlen.

Mit anderen spreche er aber nicht ĂŒber seine hochsensitiven FĂ€higkeiten. „Mir wĂŒrde niemand glauben und die Leute wĂŒrden denken, dass ich nur Aufmerksamkeit erregen möchte.“

Schlussgedanken

Na, hast du dich in diesem Artikel wiedererkannt? Dann bist du möglicherweise auch hochsensibel und/oder hochsensitiv.

Kanntest du den Unterschied der beiden Begriffe? Oder hast du sie immer synonym benutzt? Um ehrlich zu sein, war mir der Unterschied vor „Außergewöhnlich NORMAL“ noch nicht bekannt. Anne Heintzes Sichtweise ergibt, meiner Meinung nach, aber sehr viel Sinn. Deshalb wollte ich meine neuen Erkenntnisse und Davids Beispiel mit dir teilen.

Alles Liebe,
deine Mimi 💛


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4 Gedanken zu „Hochsensibel oder hochsensitiv? Das ist der Unterschied nach Anne Heintze“

  1. Das es einen Unterschied gibt, wusste ich tatsĂ€chlich nicht. Ich glaube im Bereich Introversion, Hochsensibel … ist auch noch viel Aufarbeitung nötig. Ich merke es als introvertierter Mensch besonders im Arbeitsalltag. Den Eigenschaften extrovertierter Menschen wird oft mehr Wert beigemessen bzw. in Bewertungskriterien berĂŒcksichtigt.

    GefÀllt 1 Person

    1. Absolut! Leider werden Introversion und HochsensibilitĂ€t oft noch als SchwĂ€chen dargestellt oder mit SchĂŒchternheit verwechselt. Dabei sind diese Eigenschaften keine SchwĂ€che, sondern können sogar als StĂ€rken gesehen werden. Und ja, im Arbeitsalltag hat man es als ruhiger und sensibler Mensch oft schwer. Das kenne ich auch. 🙁

      GefÀllt mir

  2. Du kannst solche koplexen Themen so wunderbar zusammenfassen! Vielen Dank fĂŒr diesen aber auch die Artikel zu Introversion. Ich versuche so oft anderen Leuten zu erklĂ€ren, was meine Sicht auf die Welt und mich selbst so sehr verĂ€ndert hat, weiß aber nie so wirklich wo ich anfangen soll und wie ich alles verstĂ€ndlich und halbwegs kurz erklĂ€ren kann. Deine BeitrĂ€ge helfen mir, vielen Dank!

    GefÀllt 1 Person

    1. Hallo liebe Melanie,

      oh, das freut mich riesig, dass dir meine BeitrĂ€ge gefallen und weiterhelfen. Das ist ja – unter uns gesagt – auch mein Ziel mit „still & sensibel“. â˜ș Vielen lieben Dank fĂŒr dein tolles Feedback! ❀

      Liebe GrĂŒĂŸe
      Mim

      GefÀllt mir

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